
So ähnlich verlautete die aktuellste und gleichzeitig einzige Wortmeldung aus dem Hause Kirlian Camera. Nicht weiter tragisch. Zum einen hat zufälligerweise Rainer bereits einen umfassenden Artikel über diese Formation verfaßt (Bodystyler 02/98), und zum anderen läßt ihre neue DCD "The Ice Curtain" (Nova Tekk) die Jahre 19080-1998 Revue passieren. Infolgedessen erschien es angebracht, lediglich im Bodystyler bisher nicht erhältliches, neue gemischtes sowie auch rares Material zu verbraten. Und wegen des ständigen Bestrebens um Authenzität wurde im Rahmen einer großangelegten Durchsuchungsaktion eine seltene Tonbandaufzeichnung eines mit Angelo Bergamini geführten Interviews beschlagnahmt.
Erstes Thema ist die 'Antifa', da auch Kirlian Camera die
zweifelhafte Ehre zuteil wurde, Auftritte aufgrund von Drohungen extremer 'Antifa'-Vertreter absagen bzw. verlegen zu müssen. Hierauf angesprochen erklärt Angelo Bergamini: "Mir ist das völlig unverständlich, wir haben mit unserer Musik zu keiner Zeit aktiv Politik betrieben. Ich empfinde das wirklich als merkwürdig, denn ich respektive mehr oder weniger alle möglichen Ansichten. Außerdem ist ein guter Teil meiner Band
zutiefst radikal kommunistisch eingestellt, ich hingegen bin weder 'rechts' noch 'links', es ist eine sehr demokratische Band. Ich denke, es gibt genügend Platz für alle - selbst wenn sich das nun sehr banal anhören mag. Hoffentlich wird die 'Antifa' in Zukunft verstehen, daß wir ausschließlich Musik machen wollen."
Vielleicht war der Druck vielmehr auf die Vorgruppe zurückzuführen. Es stünde zu bezweifeln, ob die 'Antifa' mit dem
Sänger von Camerata Mediolanse brüderlich ein Bierchen geteilt hätte. Jener hatte nämlich eine
kranke Definition von 'Retro-Look' und sich abziehbildmäßig an "Vorbildern" der Nazizeit orientiert, was das Publikum aber nicht weiter zu stören schien.
"Ich finde, das ist eine sehr gute Band. Sicherlich sind deine Zweifel sehr verständlich. - Ich weiß nicht, ob sie damit jemanden provozieren wollen." Wo Provokation aufhört und Debilität anfängt, bedarf an dieser Stelle keiner Diskussion, zumal Kirlian Camera für den Humbug Dritter kaum verantwortlich sind. Es bleibt nur generell anzumerken, daß eine erhöhte Gewaltbereitschaft ebenso beschränkt ist wie ein kritikloser Konsum. Damit kommen wir nun zum eigentlichen Schwerpunkt. Schon seit 1980 geistert Angelo Bergamini mit seinen anfänglich unter ständig wechselnden Bezugspersonen leidenden Kind Kirlian Camera durch die unterirdische Musiklandschaft. Und immer noch fragt sich die geschwürartig anwachsende Fangemeinde, was es mit dem Bandnamen auf sich hat. Hier hilft ein Blick ins Lexikon. Der sowjetische Techniker S. D. Kirlian entwickelte ein Verfahren, die Lichtenbergschen Figuren (entstehen bei elektrischen
Ladungen) von organischen Strukturen auf photographische Material einzufangen: die 'Kirlian-Photographie' Der hiervon abgeleitete Bandname verführt zwangsläufig dazu, ihn in gewisser Weise als Umschreibung der Musik zu sehen. Denn es war stets das erklärte Ziel Angelo Bergaminis, elektronische Musik zu machen, die nicht nur die sichtbare Oberfläche wiedergibt, sozusagen über eine Art "Seele" verfügt. Eine sehr finstere, wie man unschwer festellt.
Hinsichtlich der musikalischen Entwicklung Kirlian Cameras fällt auf, daß frühe werke wie 'Eclipse (Das Schwarze Denkmal)' [vö 1989, geschrieben 1984] romantische Töne anklingen
lassen, wohingegen neuere Sachen wie z.B. 'Solaris - The Last Corridor' [1995] und 'Pictures From Eternity' [1996] eine eher kalte Atmosphäre ausstrahlen.
"Das neue Kapitel von Kirlian Camera ist sehr kalt, eisig, aber immer noch hörbar, tanzbar. Ich versuche, unterschiedliche Elemente zu kombinieren, möchte diese
kalte, eisige Atmosphäre mit Paranoia und tanzbaren Rhythmen verbinden, ohne jedoch EBM oder so etwas zu machen. Wir zeigen damit, daß es uns zwar momentan nicht besonders gut geht, wir aber trotzdem Lebenssignale aussenden. Wenn man will, kann man dazu tanzen, sich dabei unterhalten und miteinander scherzen, denn nicht das ganze Leben ist Paranoia. Für mich jedoch ist das Leben pure Kälte. Seit 'Solaris' versuche ich alle Elemente dieser Kälte, oder was ich hierunter verstehe, zusammenzufügen."
Zu den interessantesten Alben Kirlian Cameras zählt aber mit Sicherheit 'Todesengel. The Fall Of Life'. Gewidmet ist es denjenigen, die in psychiatrischen Anstalten oder unter Psychiatern leiden mußten. Das erscheint zunächst verwunderlich, sind diese Institutionen und Personen doch eigentlich dazu da, Menschen zu helfen.
"Prinzipiell habe ich nichts gegen Psychiater, unglücklicherweise habe ich ihre Hilfe schon einmal in Anspruch nehmen müsse. Doch zu oft haben Psychiater eine falsche Diagnose bezüglich meines Zustandes gestellt. Meine persönliche Erfahrung hat mir also schlechte Signale gegeben, ich bin jahrelang von Psychiatern mit unterschiedlichen Medikamenten abgefüllt worden. Für mich ist es also ein sehr dramatisches Gebiet."
Hiernach zu den banalen Dingen überzuleiten ist schwierig, weshalb einfach an der Stelle wieder
eingesetzt wird, an der Angelo Bergamini auf die auf diesem Album vertretenen Coverversionen ('Vienna', Ultravox; 'We Will Rock You', Queen) zu sprechen kommt:
"Ich habe eine seltsame glamouröse Einstellung. Ich mag Gary Glitter, Queen , Suzie Quattro... Ich bin gerne von schlechter Musik umgeben. Für mich ist Musik keineswegs eine ernsthafte Angelegenheit, ich mache mich auch gerne darüber lustig. Besonders die Leute aus dem Gothicbereich konnten sich hiermit nicht anfreunden. Meine Musik ist aber nun
einmal überhaupt kein Gothic. Man sollte verstehen, daß ich auch eine gewisse Portion Humor verarbeit." Und nicht nur in seiner Musik entfaltet sich diese Vorliebe. Gerne lacht der
irritierende Italiener nach manchen seiner Bemerkungen, um leicht verstört wirkende
Gesprächspartner zurückzulassen. Man rächt sich und schleudert dem Interviewten eine übliche Frage entgegen: Warum zieht er denn eine fremde seiner Muttersprache vor? Was indes normalerweise auf ein "weiluniversalverständlich"-Geplapper hinausläuft, vollzieht hier andere Bahnen:
"Für mich ist Kirlian Camera kein italienisches Projekt, ich fühle mich nicht besonders mit Italien verbunden. Bevorzugen würde ich die deutsche Sprache, beherrsche sie aber nicht richtig. Zwar versuche ich, die Aussprache zu erlernen, fühle mich aber manchmal wie ein Idiot, aber das ist für mich der einzig mögliche Weg. Auf dem Minialbum "The Desert Inside" gibt es einen Song mit einigen italienischen Worten, das ist aber nur ein kurzer Moment. Einige Freunde in Italien haben mich darum gebeten. Trotzdem bevorzuge ich definitiv, mich von Italien fernzuhalten, obwohl ich Italienisch besser beherrsche als Englisch. Manchmal ist es aber hart, auf englisch zu singen, denn ich hasse besonders die Amerikaner. Demnächst werde ich daher versuchen, andere Sprachen zu benutzen. Ich hoffe, daß die Leute damit klarkommen und es mögen werden."
Daß er die sperrige deutsche Sprache keineswegs verabscheut, ist kein Geheimnis. Neben Titeln einiger Stücke und Alben deuten nicht zuletzt seine Vertonungen von Zeilen deutschsprachiger expressionistischer Dichter (u.a. Stramm, Trakl) zaunpfahlmäßig in diese Richtung.
"Ich bin kein Intellektueller, aber ich lese sie gerne. Wir wollen den deutschen [bzw. auch österreichischen] Hörern nicht vorenthalten, daß sie über hervorragende Künstler verfügen, wir wollen lediglich einige Hinweise geben: 'Wenn Ihr genügend Zeit habt, lest bitte die Sachen Eurer Schriftsteller, denn sie sind wirklich etwas besonderes."
Wirft man ein oder zwei Augen auf die Covergestaltungen, möchte man annehmen, daß darüber hinaus auch Architektur, altertümliche Orte und Gebäude in seinem eine wichtige Rolle spielen.
"Manche Leute meinen, ich würde nur alte Burgen mögen. Das stimmt aber nicht. So mag ich z.B. auch moderne große Einkaufszentren. In Wien gibt es eines, das teilweise sogar an die Bauweise des Anfangs dieses Jahrhunderts erinnert. Auch im
allgemeinen strahlen die Bauten in Wien eine ungeheure Atmosphäre aus, sogar manche Supermärkte [Diese
Anmerkung erklärt somit die Coverversion 'Vienna']. Daneben finde ich auch einige alte Fabrikgebäude interessant. Ich schaue mir die unterschiedlichsten Sachen an und versuche, interessante oder ansprechende Elemente aufzunehmen."
Seinen abschließenden Wunsch sollten wir alle gemeinsam an den Händen haltend beherzigen:
"Ich würde mir wünschen, daß alle Szenen in bezug auf Stilrichtungen etwas entspannter werden und
daß sie einfach ohne Vorbehalte die Musik anhören."
Anm: Das Tonband gehörte einstmals 'Anon' und 'fragment'. Pech gehabt!