Der Tote Liebknecht (Rudolf Leonhard)

 

Seine Leiche liegt in der ganzen Stadt,

in allen Höfen, in allen Straßen.

Alle Zimmer

sind vom Ausfließen seines Blutes matt.

Da beginnen Fabriksirenen

unendlich lange

dröhnend aufzugähnen,

hohl über die ganze Stadt zu gellen.

Und mit einem Schimmer

auf hellen

starren Zähnen

beginnt seine Leiche

zu lächeln.

 

 

 

Rudolf Leonhard:

Geboren am 27.10. 1889 in Lissa in Posen. Studierte Germanistik und Jura, in Göttingen und Berlin. Ähnlich wie Toller und andere Expressionisten rückte Leonhard zunächst als Freiwilliger in den ersten Weltkrieg ein, wurde aber im Verlauf des Krieges zum militanten Pazifisten. Dieser Gesinnung wegen wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt. 1918/19 nahm er aktiv an den revolutionären Unruhen in Deutschland teil. Danach lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, einige Jahre war er Lektor des Verlages "Die Schmiede". 1927 Übersiedlung nach Frankreich. 1939 interniert und als Widerstandskämpfer in das Lager von Castres eingeliefert. Kurz vor der Auslieferung an die Gestapo gelang Leonhard die Flucht nach Marseilles, wo er illegal lebte und in der französischen Untergrundbewegung tätig war. Leonhard starb am 19.12.1953 in Berlin.

(In: Silvio Vietta: Lyrik des Expressionismus. Tübingen 1976 u.ö.